10. Zusammenfassung

 

Für die Modalität einer Sprachform ist die soziale Nähe bzw. Distanz zwischen den Interaktanten von grober Bedeutung. Die soziale Nähe zwischen dem Produzenten und dem Rezipienten wirkt sich mehr auf die Konzeption der Sprachform aus als die referentielle oder die physische Nähe bzw. Distanz. Das graphische Medium des IRCs setzt keine Begrenzungen zur Verwendung der Ausdrucksmittel der gesprochenen Sprache wie z.B. der Interjektionen. Auch na wird  unter den gleichen Bedingungen und in den gleichen Funktionen verwendet wie in der gesprochenen Sprache.

 

Peter Koch und Wulf Oesterreicher haben ein sprachtheoretisches Modell entwickelt, um die Kommunikationsbedingungen einer Kommunikationssituation betrachten und analysieren zu können. Sie gehen von einem Kontinuum aus, dessen Endpunkte einerseits die konzeptionelle Mündlichkeit und andererseits die konzeptionelle Schriftlichkeit sind. Dabei handelt es sich um den Duktus, die Art und Weise, der Äuberung. Das Kontinuum ist vom Medium zu unterscheiden, das eine Dichotomie bildet: eine Äuberung wird entweder gesprochen oder geschrieben. Als treffende Beispiele von beiden Extremen führen Koch und Oesterreicher ein familiäres Gespräch und einen Gesetzestext auf.

 

Anhand des Modells von P. Koch und W. Oesterreicher wurden die Kommunikationsbedingungen von vier Abschnitten aus dem IRC-Channel #germany analysiert. Die folgenden Parameterwerte des Nähebereiches wurden festgestellt, die die verwendete Sprachform als `konzeptionell mündlich´ einordnen lassen:

 

a) privat bzw. nicht-öffentlich

b) Vertrautheit der Gesprächspartner

c) starke emotionale Beteiligung

d) sehr geringe Situations- und Handlungseinbindung

e) origo-naher Referenzbezug

f) zeitliche Nähe

g) relative intensive Kooperation

h) Dialogizität

i) Spontaneität

j) freie Themenentwicklung

 

Ein zusätzlicher Parameterwert wurde hinzugefügt:

k) informelle Kommunikationssituation

 

Im Distanzbereich wurde lediglich der folgende Parameterwert festgestellt:

f) physische (räumliche) Distanz

 

Die gleichen Parameterwerte wurden probeweise in drei finnischen Channels angewandt. Die Ergebnisse zeigen, dab das gesagte weitgehend auch für weitere IRC-Channels gilt, ungeachtet der Sprache.

 

Es stellt sich heraus, dab das graphische Medium keinerlei Rolle bei der Bildung der Konzeption der IRC-Sprache zu spielen scheint. Peter Kochs Ansicht über die Bedeutung der sozialen Nähe zwischen den Interaktanten wird damit bestätigt. Zu der sozialen Nähe im IRC trägt sicherlich die Möglichkeit zur Anonymität, die Leichtigkeit der Kontaktaufnahme und die Gleichwertigkeit (Es ist möglich Namen, Alter, Geschlecht und Herkunft weitgehend geheimzuhalten, wenn man es so wünscht.) bei.

 

Konrad Ehlich setzt eine vertraute Relation zwischen den Interaktanten für den Gebrauch von der Interjektion na voraus. Im vorliegenden Studium wurde der Textkorpus daraufhin analysiert, ob und in welchem Mab Vertrautheit und soziale Nähe zu beobachten waren und ob sie beim Vorkommen von na übereinstimmten. Bei der Analyse wurden die Dialoge betrachtet (Thema; wird gemeinsames Wissen erwartet usw.) und v.a. aubertextuelle Information zu Rate gezogen (z.B. der sog. Operator-Status). Auch die für den IRC typischen und bedeutungsvollen Werkzeuge wie Smileys, Zustands- und Gefühlsäuberungen wurden mit einbezogen. Es hat sich herausgestellt, dab na auch im graphischen Medium verwendet werden kann und dab es dort die gleichen Funktionen ausübt wie in der gesprochenen Sprache. Jedoch ist eine genauere Kategorisierung nicht in jedem Fall möglich wegen der fehlenden Information über die Intonation.

 

Anhand dieser Informationen und der Analyse läbt sich feststellen, dab im IRC die gleichen Kommunikationsbedingungen wie bei den anderen, stereotypischen Vertretern der konzeptionellen Mündlichkeit, herrschen. Aus diesem Grund sind die gleichen sprachlichen und textuellen Werkzeuge möglich wie bei den traditionellen Genren der gesprochenen Sprache. Das Medium scheint keinerlei Begrenzungen zu setzen. Es werden neue, angewandte Werkzeuge verwendet. Auch im IRC ist die soziale Nähe für die Konzeption am bedeutendsten. Das Medium - ob graphisch oder phonisch - scheint keinerlei Rolle zu spielen. Wegen der passenden Kommunikationsbedingungen ist auch der Gebrauch des na möglich.

 

Der IRC bietet eine enorme Themenquelle für die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Arbeiten. Er liefert leicht aufzunehmendes Material etwa für soziolinguistische Arbeiten (z.B. die Sprache der Frauen ws. der Männer, Jugendsprache, Gruppensprache, Fachargon u.v.a.), für linguistische Arbeiten über Unterschiede zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache in bezug auf Morphologie, Syntax, Lexikon, Gesprächswörter, usw. Auch für pragmatische und semantische Arbeiten und für Studien über den Sprachwandel steht reichlich Material zur Verfügung.

 

Neben dem IRC stehen die E-Mail-Kommunikation und die weiteren über das Internet laufenden Kommunikationsformen (z.B. Talk, Bulletin boards und Newsgroups) als Materialquellen zur Verfügung. Die computervermittelte Kommunikation stellt im groben und ganzen ein neues Untersuchungsgebiet dar, das seine Entdeckung erwartet.