5. Zur Interpretation der Interjektionen

5.1. Zur Forschungslage der Interjektionen

 

Es gibt nur wenige Untersuchungen auf dem Gebiet der Interjektionen, die eine in der Linguistik vernachlässigtes Forschungsgebiet darstellen. Das geringe Interesse ist auf ihre Zugehörigkeit zu der gesprochenen Sprache zurückzuführen, der erst seit dem letzten Jahrhundert durch die Dialektenforschung mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Auch in der Dialektenforschung wurden die Interjektionen wenig beachtet. Teilweise ist dieser Tatbestand dadurch begründet, daß die Wortart der Interjektionen als eine schwierig zu kategorisierende gilt[34].

 

Diese Arbeit lehnt sich bezüglich der Interjektionen v.a. an die Monographie von Konrad Ehlich an, der anhand der “Analyse phonetischer Qualitäten von im Labor erzeugten Realisierungen der unterschiedlichen Formen” die Funktionen und Bedeutung der Intonation bei ihrem Gebrauch untersucht hat.[35] Den Ergebnissen der Untersuchung von Ehlich ist zu entnehmen, daß einige bestimmte Interjektionen (u.a. hm und aha) verschiedene Funktionsvarianten haben, die je nach der Intonation eine Distribution aufzuweisen scheinen: Durch die Intonation lassen sich die Interjektionen nach Funktion bzw. Inhalt von einander unterscheiden. So drückt z.B. hm mit fallend-steigender Intonation (hm) Übereinstimmung zwischen dem Hörer und dem Sprecher aus und entspricht z.B. den verbalen Ausdrücken “verstanden” und “einverstanden”.  Eine “beginnende Divergenz” kommt dagegen durch hm mit ebener Tonstruktur (hm) zum Ausdruck. Als Paraphrase führt Ehlich “vielleicht, aber…”, “da bin ich skeptisch” und “da bin ich anderer Meinung”an.[36]

5.2. Zur Kategorisierung der Interjektionen

 

Interjektionen bilden keine einheitliche Kategorie,  weder bezüglich Form und Funktion noch aufgrund ihres Gebrauchs. Es gibt onomatopoetische Interjektionen, Gefühle und dergleichen ausdrückende Interjektionen sowie Interjektionen, die der Gesprächssteuerung dienen oder als Hörersignale fungieren. Trabant unterscheidet zwischen “den onomatopoetischen Ausdrücken (peng, bum)”, “den `sekundären´ Interjektionen (“Jessesmaria etc.”)” und den “Interjektionen im engeren Sinn”[37]. Zu der letzten Subklasse gehören Interjektionen, die als Hörersignale und Gesprächssteuerer  aufgefaßt werden können.

In dieser Arbeit werden besonders die letztgenannten Interjektionen behandelt und zwar insbesondere die Interjektion na. Wie na im IRC möglich ist und dort fungiert und wie es zur Mündlichkeit beiträgt, wird im Kap. 9 mit Hilfe des Koch/Oesterreicherschen Konzepts nachgefragt und untersucht.

 

Es gibt keine eindeutige Übereinstimmung darüber, ob Interjektionen Wörter sind oder nicht: Schneiders Überzeugung nach sind die Interjektionen keine Wörter, da sie keine “Bedeutungseinheit, [...], die ihren Platz als Glied in der Satzaussage hat oder haben kann” darstellen[38]. Henne schlägt vor, daß die Interjektionen neben Gliederungspartikeln und Rückmeldungspartikeln als eine “Funktionsklasse der Wortart Gesprächswort” aufgefaßt werden[39]. Wenn die Interjektionen nicht als eingenständige Wortart aufgefaßt werden, bereitet ihre Einordnung in verschiedene Wortklassen auch Schwierigkeiten: Die Duden Grammatik führt Interjektionen als Subklasse der Partikel an, in Helbig/Buscha sind sie unter Satzäquivalenten zu finden und Brinkmann[40] ordnet sie den Konjunktionen zu.

Ausdrücke wie ah, ätsch, muh, summ und hihi werden in DUW als Gesprächspartikel, Partikel oder Interjektionen bezeichnet, Wahrig ordnet die gleichen Ausdrücke in die Kategorie Schallwörter oder Interjektionen ein. Z.B. ist aha im DUW Gesprächspartikel, bei Wahrig Interjektion. Es sind also Unterschiede sowohl bei der Einordnung als auch bei der Benennung zu beobachten.

Trabant schreibt: “Die einzelsprachlichen Grammatiken zeigen [...] ein eigentümliches Schwanken. [...] Diesem Schwanken liegt nicht nur eine unterschiedliche Auffassung darüber zugrunde, ob die Interjektionen in der Grammatik oder im Lexikon zu beschreiben sind, sondern vor allem wohl eine unterschiedliche Beurteilung der Sprachzugehörigkeit der Interjektionen [...].”[41]

 

Wie dem auch sei, stellen Interjektionen ein schwieriges Untersuchungsgebiet dar, was v.a. darauf zurückzuführen ist, daß es hier um ein Phänomen der gesprochenen Sprache handelt, das sich schwer untersuchen läßt. Die unendlichen Varianten und Variationsmöglichkeiten sind nicht einfach aufzunehmen und zu klassifizieren.

 

Über einige Merkmale der Interjektionen sind sich die Grammatiken jedoch einig: Sie

1) sind syntaktisch unabhängig und können außerhalb des weiteren Satzes bzw. der weiteren Äußerung stehen.

 2) können (demzufolge) allein auftreten, gelten aber nicht als satzfähig sondern als satzwertig.

3) drücken Gefühle und Empfindungen aus und ahmen (Natur- oder sonstige) Laute nach.

4) können als Gesprächsglieder fungieren.[42]

5.3. Interjektionen und die Kommunikationsform

 

Wie angedeutet ist die Kategorisierung der unterschiedlichen Interjektionen nicht einfach. Die Schwierigkeit des Einordnens liegt nicht nur an der Vielfalt der verschiedenen Funktionen und Formen der Interjektionen, sondern wohl auch daran, daß die Interjektionen, wie bereits erwähnt, ein typisches sprechsprachliches Phänomen sind, weshalb sie schwieriger zu untersuchen sind als  Phänomene, von denen man Belege in graphischer Form feststellen kann. Es stehen daher auch kaum einheitliche oder konventionelle Formen für die Verschriftlichung zur Verfügung. Auch die Funktionen oder “Bedeutungen” sind nicht festlegbar.

Das Fehlen der konventionellen morphologischen und phonologischen Formen, wie auch die Vielfalt der unterschiedlichen Gebrauchsweisen und Inhalte lassen sich auch in der IRC-Sprache betrachten.

 

Auch in der Schriftsprache tauchen Interjektionen auf, aber lediglich in literarischen Texten, in denen sie eine onomatopoetische Funktion ausüben oder gesprochene Sprache nachahmen sollen[43]. (Interjektionen in Privatbriefen werden kurz im Kap. 5.4.1. behandelt). Die folgenden Beispiele stammen aus Hoppelpoppel wo bist du? von Hans Fallada und Momo von Michael Ende:

 

“`Heb mich hoch´, sagte der Sohn und – burr! – huschte der Grünfink mit `Tschick, Tscheck!´ aus dem Geäst.” (Fallada: 48.)

“`Zips… Zips…´, störte ihn die vorsichtige Stimme seiner Frau. `Zips – störe ich -?´” (Fallada: 19.)

“`I du liebes Gottchen´, sagte er sich verblüfft.´” (Fallada: 25.)

“`Na, belobigen wird man uns ganz bestimmt nicht´” (Ende: 140.)

“`Ah, unsere kleine Momo ist aufgewacht´ sagte Meister Hora freundlich.” (Ende: 248.)

“`He, ihr zwei da vorn!´rief jemand aus der Schlange, `schlaft ihr?´” (Ende: 208.)

5.4. Interjektionen und die kommunikative Nähe

 

Interjektionen werden der gesprochenen Sprache, besonders der Alltagssprache, zugeordnet. Sie sind jedoch nicht an sich als ein Phänomen der Rede zu betrachten, sondern als Phänomene, die besonders aufgrund der sozialen und referentiellen Nähe möglich sind. Die soziale Nähe sorgt im allgemeinen für die “Stimmung” und den passenden Rahmen, die den Gebrauch der Interjektionen ermöglichen. In einer festlichen Rede kommen sie kaum vor (auch weil solche oft genau vorbereitet und durchdacht ist), wenn sie dagegen in einem familiären Gespräch häufig auftauchen. Als solche Interjektionen gelten vor allem na und tja. Mit ihnen hängt neben der Vertrautheit zwischen den Gesprächspartnern der Grad der Planung ab. Sie sind aber nicht als Signale der Unsicherheit, geringer Vorbereitung o.ä. aufzufassen, denn sie erfüllen wichtige Funktion der Gesprächssteuerung. (Genauer im Kap. 5.4.2.)

5.4.1. Interjektionen und die soziale Nähe

 

Die soziale Nähe ermöglicht auch in Privatbriefen den (zwar eher geringen) Gebrauch der Interjektionen. Der Grund für ihre seltene Verwendung in Privatbriefen hängt mit der referentiellen Distanz zwischen den Kommunikationspartnern zusammen, denn die Kommentierung mit den Interjektionen ohne direkt vorausgegangenen Referenzpunkt ist schwierig bzw. unmöglich. Grundsätzlich ist aber das Kommentieren eigener Äußerungen mit gewissen Interjektionen möglich.

 

Beispiel:

 

“Es war besonders schwer, mit ihm jemanden zu verlieren, mit dem noch so viel zu besprechen gewesen wäre. Tja, man kann sich das Leben, die Ereignisse, die Bedingungen wohl doch nicht zuverlässig aussuchen.... Naja, und dann bin ich auch wieder angefangen zu philosophieren, ...”[44]

5.4.2. Interjektionen und die physische Nähe

 

Auch die physische Nähe bildet eine Voraussetzung für die Verwendung der Interjektionen, besonders für ihre Funktion der Gesprächssteuerung als Hörersignale (back-channel-Signale)[45] und Sprecherwechselsignale. Ihr Gebrauch bedarf einer simultanen Interaktion und eines gleichzeitigen kommunikativen Rahmens. Die Interjektionen, die als Hörersignal dienen, haben zweierlei Funktionen: Durch sie werden die Produktion und die Rezeption mit einander verbunden, indem der Hörer signalisiert, daß er dem Sprecher folgt und zuhört, dab er des Sprechers Äußerung verstanden hat und mit ihm übereinstimmt oder dab er dem Sprecher nicht zustimmt. Die Hörersignale dienen als Zeichen, die dem Sprecher Information über Rezeptionsprozeduren des Sprechers geben. Weiter haben sie eine wichtige Funktion der Gesprächssteuerung und dienen dem Sprecherwechsel, indem der Hörer durch sie signalisiert, daß er zu Wort kommen möchte oder dab der Sprecher weiter sprechen darf. Dem Sprecher stehen eigene Signale zur Verfügung, mit denen er signalisieren kann, daß der Hörer bald die Möglichkeit hat, sich zu äußern. Wird dieses Signal angenommen und akzeptiert, folgt ein Sprecherwechsel, andernfalls fährt der bisherige Sprecher fort oder das Thema wird u.U. gewechselt bzw. beendet.