6. Zu den Interjektionen im IRC

 

Neben den vielen anderen Eigenheiten der gesprochenen Sprache wie etwa die Verwendung von starken Ellipsen, Umgangssprachlichkeiten und Modalpartikeln ist in der IRC-Sprache eine Vielfalt von Interjektionen zu beobachten, die von einer sehr starken Mündlichkeit zeugen. Wie bereits festgestellt, sind die Interjektionen ein besonderes Merkmal der gesprochenen Sprache, die aber auch in literarischen Texten zu finden sind.

 

Die Interjektionen bedürfen neben der Mündlichkeit weiterer besonderen Rahmen für ihr Auftreten. Es muß soziale Nähe zwischen den Partnern herrschen: Interjektionen vom Typ hm, na, naja, tja etc. sind z.B. in formellen Diskussionen oder in einer Rede nicht üblich oder angebracht. Die Verwendung von na bedarf einer vertrauten Beziehung zwischen den Partnern[46]. Verzögerungsausdrücke dagegen, wie z.B. äh, ähm, sind zwar in formellen Situationen möglich, werden dort jedoch wegen ihres Signalwerts für Unsicherheit, Unvorbereitetsein usw. vermieden.

6.1. Überblick über die Interjektionen in #germany

 

Im Diskussionsausschnitt aus #germany ist eine breite Palette von unterschiedlichen Interjektionen in verschiedenen Formen und Ableitungen zu finden. Sie werden im folgenden gegliedert nach ihrer Funktion aufgeführt.

 

6.1.1. Begrüßungen

 

Begrüßungen kommen entweder selbständig oder mit Namen verbunden vor. Der Name kann vor oder nach der Floskel stehen, üblicherweise ohne Komma:

 

hi, hallo, ahoi, hoi, morgaehn, moin, hai, tach, namd, nabend

hi hope, red hoi.

 

Es können auch alle Teilnehmer gleichzeitig begrüßt werden:

 

hallo alle zusammen

hallo alle ihr

hi germany

Gizzmo grüßt alle!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!.

 

Diese Interjektionen sind im Alltagsgespräch übliche Begrüßungsformeln, die auch im IRC Gebrauch finden. Besonders bei den Formen  hai, tach, namd, nabend liegt die phonetische Form vor.

 

huhu                  

 

Duden Deutsches Universalwörterbuch (DUW) unterscheidet nach Intonation zwischen zwei Formen von huhu. Nach der ersten Lesart wird die erste Silbe betont und das u lang ausgesprochen: [`hu:hu]. huhu dient als “Zuruf an jmdn., der von dem Rufenden abgewandt ist od. sich in einiger Entfernung von ihm befindet.” Als Paraphrase wird hallo angeführt. Bei der zweiten Lesart wird die zweite Silbe betont: [hu`hu]. Dabei handelt es sich um einen Ausruf, der dazu dient, jemanden zu erschrecken oder durch den man “scherzhaft eigene Furcht” zum Ausdruck bringen kann.

In #germany kann die erste Form vermutet werden, da huhu dort eindeutig zur Begrübung der Teilnehmer dient. Es ist in dem Untersuchungsmaterial lediglich ein Beleg für die zweite Lesart vorhanden. Die Betonung auf der zweiten Silbe wird durch  das verlängerte u deutlich gemacht:  huhuuuule

Bei dieser Form handelt es sich bezüglich der Funktion jedoch um die erste Lesart, denn sie kommt eindeutig als Begrübung vor.

huhu kommt auch in abgeleiteten Formen vor, die auf die schwäbische Mundart hinweisen:  huhule!!, rehuhule

 

Beispiele:

huhu!, huhu woogy, huhu |ts| *wink*, huhu ian!!!! *froi*, deccccckkkkkkerrrrrrrrrrrr , huhu, ich bins, zwergle

 

re         

 

re ist eine Besonderheit des IRCs. Bei re handelt es sich zwar nicht um eine Interjektion. Das Wort gehört jedoch zu den Begrüßungskonventionen des IRCs und es ist nicht ausgeschlossen, dab eine Übertragung in das Alltagsgespräch erfolgt, wie bereits bei rotfl (s. S. 6) geschehen ist, das mittlerweile innerhalb Hacker-Subkultur in der face-to-face-Kommunikation verwendet wird[47], und sich dadurch zu einer Interjektion verwandeln wird.

 

re wird verwendet, wenn sich ein Teilnehmer nach kurzer Abwesenheit zurückmeldet, im Sinne von `hallo, hier bin ich wieder!´. Diesem Ausdruck liegt das lateinische Präfix re- zugrunde, das `wieder´ und `zurück´ bedeutet[48]. Nach M. Haase et al. ist diese Begrüßung durch eine Vereinfachung motiviert[49].

Auch hier sind unterschiedliche Formen belegt. Die Formenvielfalt kann zwar als eine Uneinheitlichkeit interpretiert werden, sie kann aber auch vom Gegenteil zeugen: Die Formenpalette weist auf die Lust an Variation und am Sprachspiel hin, wobei man sich der ursprünglichen Form bewubt ist.

 

Beispiele:

reee, rehi, redele, rehuhule,

*reeechen*

re zwergl!!!

reeeeeeeeeeeeeeleeeee,

reeeeeeeemorgaehnnnnnnnnnnnnnnnn etc.

6.1.2. Verabschiedungen

 

Verabschiedungen kommen meist ohne Namen vor. Es wurden aber auch Formen belegt, bei denen entweder ein einziger Teilnehmer oder alle Teilnehmer angesprochen werden.

 

Beispiele:

cu boogy, bye, c ya, bye, ciao mukda

Tschau alle und nen guten rutsch!!!! tscuessiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii

 

brb (be right back), bbl (be back later)

Boogy id´s wech bbyyyyee

 

mukda verabschiedet sich

|Cyber| macht wieder nen abflug!!

* claudi muss nu wieder schaffa !*wink*

 

Bei den Abschiedsfloskeln ist die Vielfalt größer als bei Begrüßungen. Beim Abschiednehmen wird oft ein Grund für das Fortgehen genannt:

 

* claudi muss schaffa ...

* asteriXXl geht wech… rechner wechseln : ))

* LoneStar haut dann ml ab....*gähn*

 

Der Abschied wird meist vorbereitet oder bereits etwas früher angedeutet. Es gilt als unhöflich, den Channel zu verlassen, ohne sich zu verabschieden:

 

Der Kermet ist so ein blöder Frosch: Hüpft einfach davon ohne Ciao, ich meine quack zu sagen!

 

Bei den Abschiedsfloskeln sind einige dem IRC charakteristische Formen und Konventionen zu beobachten: brb und bbl (s.o.). Es handelt sich um Formeln, mit denen ausgedrückt wird, daß der Teilnehmer kurz oder für eine längere Zeit nicht zu erreichen ist, und daß er später noch zurückkommt.

M. Haase et al.[50] führen weitere (nicht interjektionale) Formen an: BTK Back to keyboard; TTYL Talk to you later; AFK Away from keyboard; JAM Just a minute. Der englische Einfluß wird auch bei diesen Ausdrücken deutlich.

6.1.3. Interjektionen unterschiedlicher Funktionen und Inhalte

 

Die Vielfalt und die große Anzahl der verschiedenen Interjektionen zeigen die Mündlichkeit dieser Sprachform auf. Wie bereits im Kap. 5.4. hingewiesen, bietet die soziale und physische Nähe die Voraussetzungen für die Verwendung bestimmter Mittel, wie z.B. der Interjektionen. Es ist nicht nur die Vielfalt an verschiedenen Interjektionen, sondern auch die Vielfalt an der Formen der unterschiedlichen Interjektionen, die diese Kommunikationsform als vertraut entlarvt, die unzählige neue Möglichkeiten des Sich-Ausdrückens bietet. Man geht mit den längst vertrauten Formen der gesprochenen Sprachen gelassen und phantasievoll um. Ferrara spricht von “hybrids” (s. S. 4).

 

Die folgenden Gruppen zeigen eine enorme Vielfalt verschiedener Interjektionen, die hier nur kurz angesprochen werden können.

 

6.1.3.1. Einstellungsausdrücke und Ausdrücke des Verstehens

 

Tja, das leben ist kein Picknick

och nix, oooch

awas

achja btw.

huch, oha

oh weia, och menno

aetsch

uhoh *fuercht*

boah

Ach soooo....., axoooooooooooooo, achso, axo

 

6.1.3.2. Sonstige Ausdrücke und Äußerungen

 

simpsalapim, lalalala, jeeeeeeeeeeeeeeehhaaaaaaaa,

ups, WOW

hahahahaha, heheh hi, hihi

*bang*

hihoooooo :)

holodero